Heimat ohne Nebelkerzen

Heimat entsteht durch Wahrnehmung mit allen Sinnen, durch unerzwungene innerliche Schaffung von starker Verbundenheit mit einem besonderen Milieu über einen längeren Zeitraum hin. Heimatverbundene sollten desöfteren einen bewussten Perspektivenwechsel im Laufe ihres Lebens vornehmen, damit Dumpfheit im Fühlen und Gespenster aus der Vergangenheit nicht vom eigenen Denken und Empfinden in der Gegenwart Besitz ergreifen. 

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Vorwort

Was sich uns heute schlicht als Landschaft darbietet, was wir uns mit Verstand, Herz und Tun erschließen, wovon wir leben und woran wir uns ein Leben lang erfreuen – seien wir Einheimische, Zugezogene, Erholungssuchende, Durchreisende, Wissenschaftler, Künstler, Praktiker, seien wir Stadt- oder Landmenschen – Landschaft, viel diskutiert, viel gebraucht und leider auch viel missbraucht, ist für den Geographen ein äußerst komplexes Studienobjekt, allgemein für uns jedoch ein phänomenales Faszinosum, das uns bis in die tiefsten seelischen Schichten zu berühren vermag.

Kulturlandschaften entstehen durch Wertsysteme, im sorgenden und aktiv zu entwickelnden Umgang mit der Natur, unserer Umgebung, mit unseren Mitmenschen und mit uns selbst. Sie zeichnen oft den Wandel dieser Wertsysteme nach und bilden eine Verständnisbrücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Naturlandschaften dagegen – Landschaften, die sicherlich wohl vom Menschen berührt, aber nicht weitgehend umgestaltet wurden – lehren uns zunächst Staunen, laden uns aber auch zum demutsvollen Begreifen ihrer Erscheinung im Großen wie auch im großartigen Kleinen ein.

In der Savanne Brasiliens: Über das Einsetzen der Regenzeit

 

Ich lag entspannt und etwas schläfrig in einem bequemen Schaukelstuhl. Unter dem Dach der breiten Veranda beobachtete ich blinzelnd nicht weit von mir einen katzengroßen braunen Nasenbären in der ausladenden Krone eines wuchtigen Mango-Baumes. Gewandt, mit stützendem Schwanz, balancierte er griffsicher durch Geäst und Blattwerk.

Mein Blick glitt in die Ferne, weit über die flachwelligen Hügel der Cerrados, wo gelblich-violette Bänder über dem staubgrauen Horizont zu huschen schienen. Darunter erstreckten sich endlos ausgedörrte Weideflächen. Nur schemenhaft waren kleinere Gruppen von weißlichen Rindern auszumachen. Sie schienen unter lichten Baumgruppen Schutz zu suchen.

Immer heftigere Böen heißer Winde strichen zu mir herüber – Vorboten der sich ankündigenden Regenzeit.

Der kleine Nasenbär war verschwunden. Hin und her gerissen, von nun plötzlich aufbrausenden Böen gepeitscht, wandten sich die Zweige an den Ästen des riesigen Mango-Baumes wie unter Schlägen in der unwirklichen Trübe des späten Nachmittages. Mit angelegten Blättern flohen sie mal in die eine, mal in die andere Richtung, als wüssten sie nicht, wohin sie entkommen sollten. Nur knapp strichen sie über das flach geneigte Schindeldach des alten Herrenhauses. Dann wurde es für einen Augenblick gefährlich still. Ich war nun hellwach und atmete gespannt, alle Sinne geschärft. Schmeichelnd-warme Luft strich mir nun langsam über die Haut und durch mein Inneres, schwach nach Ozon und erdigem Staub riechend. Die armgleichen Äste des Mangeira hingen wie erschöpft herab. Das windige Heulen und Pfeifen schien sich in irgendeinem Erdloch verfangen zu haben. Ein wenig noch erschauerten die Blätter mit einem Nachzittern, bevor sie sich in ihr Schicksal ergaben. Noch immer war kein Tropfen gefallen. Ein weiterer Windhauch, dann war es wieder still. Trügerische Ruhe.

Als der Himmel seine Pforten öffnete, saß ich demütig und erwartungsvoll, wie gebannt vor der landschaftlichen Kulisse. Das alles übertönende Trommeln unzähliger schwerer Tropfen ließ keinen Gedanken entstehen. Der Sturzregen nahm der dürstenden Erde bald alle Luft zum Atmen und schien sie unter sich ertränken zu wollen. Die hin und her schwingenden riesigen Äste des Mangeira schienen die Luftschlacht dirigieren zu wollen.

Bald schon schob sich krakenartig ein schwarzer Wasserfilm langsam von der Außenkante des Verandabodens zu mir hin, die glatten hölzernen Dielen mit dunklem Glanz überziehend. Zuerst noch etwas zögerlich aufeinander zukriechend, schlossen sich die Lachen bei Berührung schnell zusammen. Es gab kein Entrinnen. Unaufhörlich näherte sich das schmutzig-dunkle Nass der weißgetünchten Wand des ehemaligen Herrenhauses. Auf der erhöhten Schwelle der geöffneten Verandatür brachte ich mich in Sicherheit und beobachtete gebannt den Überlebenskampf der aus dem ertränkenden Boden getriebenen Bewohner. Giftige bleich-plumpe Erdschlangen, rötlich-rostdrahtige Würmer und große behaarte ockerbraune Spinnen schlängelten, zuckten und ruderten hilflos im jetzt schon knöchelhohen Wasser. Der ausgedehnte Garten, der allmählich zu einem tiefer und tiefer sinkenden Grund einer trüben See mit zahlreichen Schiffbrüchigen, ertrinkenden Sträuchern und Bäumen wurde, gab sein verborgenes Leben an der Oberfläche preis. Es roch seltsam gleichzeitig nach modriger Verwesung und Frische. Stürmischer Wind trieb mir heißen Regen ins Gesicht, und ich erwartete das Unbekannte.

Zivilisationsentwicklung und Landdegradation – Ein Blick auf Wendezeiten

Meine Überzeugung ist es, dass an einer bewussten Wahrnehmung der physischen Erscheinungen unserer Erde zeitgleich eine Sensibilisierung für das Geistige dahinter geübt werden kann. Das wird aber nur dann sinnvoll sein, wenn ein lebendiges Bild z. B. vom Boden oder von einer Landschaft sowie von Intention und Intensität menschlicher Handlungen entstünde und wir als Lehrer mit unseren Schülern gemeinsam im Unterricht aus dem Begreifen des Phänomens heraus und nicht am Modell begrifflich arbeiten würden. Denn Böden und Landschaften sind auch geographisch-historische Raum- und Zeitbrücken, weil sie dem interessierten Betrachter Wesentliches, zuvor zeitlich und räumlich mitunter weit Getrenntes (Geist und Tätigkeit in Vergangenheit und Gegenwart) zugleich und unverfälscht zeigen.

Man kann daher den Satz Christoph Lindenbergs, der auf die Notwendigkeit einer bewussten Hinwendung zu unserer technischen Kultur drang, nicht eindringlich genug zitieren: „Die innere Welt kann sich nur an der äußeren richtig ausbilden, sonst verliert sie (buchstäblich, d. Verf.) den Boden unter den Füßen und wird zu einer endlos mit sich selbst beschäftigten Subjektivität.“

 

Wendezeiten

Zwei große dramatisch verlaufene Veränderungen in der Geschichte der Menschheit sind für unser Verständnis des Themas äußerst wichtig: Es handelt sich um die neolithische (neusteinzeitliche) und die wissenschaftlich-industrielle Revolution.

Die vorgeschichtliche Zeit des Menschen, in der er nur begrenzt seine Umwelt nachteilig und nachhaltig veränderte, endete vor 12.000 bis 10.000 Jahren. Bis dahin galt die Natur als wohl schlimmster Feind seiner Umwelt. Nun begannen aber die ehemaligen Jäger und Sammler Wildgetreide wie Hirse, Gerste und Weizen geregelt anzubauen und zu kultivieren. Wildtiere wie Schafe, Schweine, Ziegen, Esel, Pferde, Rinder und Kamele wurden domestiziert. Parallel entwickelten sich erste dauerhafte Siedlungen. (Das zwischen 8.000 und 6.000 Jahren sich entwickelnde Jericho gilt als eine Vorstufe städtischer Hochkultur.) Während die Menschen zuvor als Sammler und Wildbeuter durch wechselnde Gruppengrößen und verändertes Wanderungsverhalten noch „elastisch“ auf wechselnde Nahrungs- und Rohstoffgegebenheiten reagieren konnten, änderten sich die Bedingungen mit Beginn der Sesshaftwerdung rapide. Diese erforderte ein besonders hohes Maß der Organisation auf allen Ebenen menschlicher Daseinsfunktionen (Wohnen, Arbeiten, Sich kleiden, Sich versorgen) sowie ihrer Beziehungen untereinander. Die in den Tälern des Nil, des Euphrat und Tigris, des Indus und Hwangho entstandenen bedeutenden Hochkulturen zeugen davon noch heute in vielfältiger Weise.

Die hierarchisch gegliederten, wachsend arbeitsteiligen Gemeinschaften hatten das Bedürfnis nach Ausdehnung ihrer Machtbereiche und damit einhergehenden zunehmenden Raumbedarf. Über Stadtstaaten entwickelten sich die ersten Weltreiche und erst mit ihnen und ihrem Ausdehnungsdrang begannen unsere heute bekannten Weltprobleme. Als hilfreich für ein vertrieftes Verständnis sei deshalb noch ein kurzer Rückblick auf die jüngere Geschichte gestattet. Es soll dafür die Wendezeit um die Mitte des 15. Jahrhunderts, die ja erst den modernen Materialismus, mithin die riesige Spannweite zwischen technischem Fortschritt und ethischem Rückschritt sichtbar werden ließ, etwas stärker ins Blickfeld genommen werden. Damals leitete der in spanischen Diensten stehende Genuese Cristoforo Colombo mit dem Erreichen einer karibischen Insel 1492 die Eroberungs-, Plünderungs- und Erforschungsgeschichte des amerikanischen Kontinents ein; aber ehe die Vorstöße in die Weite und Tiefe des Raumes erfolgten, hatten sich Bewusstsein und Wille dahin entwickelt, so etwas wie ein `irdisches Paradies aus eigener Kraft, Macht und Schlauheit zu schaffen. Gesteigert auf eine bis zur Besessenheit reichenden Begierde (curiositas et cupiditas) auf das Erfahr-, Mach-, Besitz- und Beherrschbare, waren diese Taten offenbar nur möglich, wenn man sich als Subjekt, als ego-starkes Individuum empfand.  Also muss der eigentliche Wendepunkt der Geschichte schon vorher, vor der Neudefinition der Grenzen der Welt durch Kolumbus und der damit verbundenen Umkehr der Bedingungen für Produktion, Wohlstand und Macht, vor dem Wirken eines Machiavelli, Erasmus von Rotterdam, Luther und Kopernikus erfolgt sein. Geht man den unterschiedlichen Definitionen dieses Wendepunktes durch die Historiker nach, so stößt man auf einen Namen im 17. Jahrhundert, auf Christoph Keller, der, auch bekannt als Cellarius, eines seiner Bücher mit Historia Nova betitelt hatte. Er erwähnt dort eine besonders interessante zeitliche Wendemarke, das Jahr 1453. In diesem Jahr nämlich eroberten die Türken Konstantinopel und bewirkten den Abzug der griechischen Gelehrten u. a. nach Italien, von wo aus sie ihre bis dahin in Europa wenig bekannte griechische Kultur von nun an verbreiteten. Der materielle Hauptstrom dieser Kultur ergoss sich mit Hilfe des in der Folge Gutenbergs zeitnah aufblühenden Druckerei- und Verleger-Gewerbes über ganz Europa und nahm den uns bekannten durch und durch materialistischen Charakter an.

Die Steigerung der Produktivität bei zunehmendem Energiebedarf, der daraus resultierende Bevölkerungszuwachs und die damit wiederum einhergehende Ressourcenausschöpfung führten zu den uns sattsam bedrängenden Umweltschäden und klimatischen Veränderungen.